|
Am
Donnerstag, den 21.November 2002, konnten wir rund 50 Besucher beim
Vortrag unseres Herrn Kaplan Lic. theol
Rupert Grill zum Thema „Selbstverwirklichung – Laster oder christliche
Tugend?“ herzlich begrüßen. Zuerst skizzierte er in seinen
Ausführungen drei Grundlinien (Extrempositionen) von
Selbstverwirklichung, wohl wissend, dass sich das reale Leben fast
immer im “Dazwischen“ abspielt:
1)
Selbstverwirklichen heißt: Ich will für mich aus dem Leben
herausholen, was nur irgend wie geht. (z.B. viel Geld, Macht und
Ansehen, Karriere, Spaß…) Dabei handelt es sich um eine kurzfristige
Lebensperspektive: Ich will, dass es mir jetzt gut geht.
2) Selbstverwirklichung als Entfaltung der eigenen Fähigkeiten und
Begabungen: Ich möchte 100% herausholen, was in mir steckt. Glück hat
dabei durchaus langfristige Perspektive und wird als Zufriedenheit mit
sich selbst und den eigenen Leistungen und Fähigkeiten verstanden bzw.
gesucht.
3) Selbstverwirklichung als die Suche nach einem Sinn für das eigene
Leben, wobei sich dieser in einer Tätigkeit oder einer Beziehung
finden lässt, die nicht in erster Linie auf sich selbst, sondern auf
den Anderen ausgerichtet ist.
Nach einem kurzen
Blick auf die gesellschaftlich-kulturellen Hintergründe und
Veränderungen, insbesondere der Individualisierung und des
Postmaterialismus, ging der Referent auf die
christliche - theologische Kritik sowohl am Begriff der
Selbstverwirklichung als auch an den drei genannten Grundlinien ein
und stellte anschließend Rahmenbedingungen für
eine Selbstverwirklichung im christlichen Sinn auf:
1) Man gibt die aktive Gestaltung des Lebens ab, wenn man
nur das tut, was im Moment gerade schön oder notwendig ist. Daher „
muss christliche Selbstverwirklichung gekennzeichnet sein von einer
vernünftigen Lebensgestaltung in Freiheit, in der der Mensch sein
Leben gestalten und seine Fähigkeiten und Talente zu entfalten sucht
(und nicht bloß nur kurzfristiges Glück)“.

2)Mensch-werden und
Selbstwerden kann man nur im Gegenüber zu einem Du (vgl. z.B.
Kleinkindentwicklung). „
Christliche Selbstverwirklichung darf demnach nicht egozentrisch
reduziert sein (im Sinne von: Das kann ich mir selber
machen, da brauch ich niemand dazu),
sondern muss Selbstwerdung und Selbstverwirklichung in der Beziehung
zum mitmenschlichen Du und zum Du Gottes suchen.“
3) Ein „möglichst viel aus dem Leben herausholen“ würde
einer heutigen „Diesseitsvertröstung“ gleichkommen: Wer nicht an die
Auferstehung und an ein Leben nach dem Tod glaubt, muss alles von
einem Leben vor dem Tod erwarten. Unser christlicher Glaube, dass mit
dem Tod nicht alles aus ist, sondern neues, noch größeres Leben
(„Leben in Fülle“) beginnt, kann eine Relativierung des
Selbstverwirklichungsdrucks bedeuten. „
So darf christliche Selbstverwirklichung nicht als die schon vollständige Erfüllung des von
Gott geschenkten Lebens gesehen werden, sondern muss das eigene Leben
und ihre Entfaltung im Wissen um den größeren Zusammenhang von Gott
her verstehen und die endgültige Verwirklichung des Lebens vom
jenseitigen Dasein bei Gott erwarten.“
Kaplan
Rupert Grill beendete seinen anspruchsvollen Vortrag mit den
ermutigenden Worten: „Von
Selbstverwirklichung als christliche Tugend kann man dort sprechen, wo
Menschen aus ihrem Glauben heraus, mit ihren Mitmenschen und im
Einsatz für sie zu starken Persönlichkeiten heranreifen und als solche
leben. Menschen, die wissen, dass sie ihre Fähigkeiten nicht
verstecken müssen und nicht verkümmern lassen dürfen, sondern
entfalten und für den anderen und für Gott einsetzen.
Selbstverwirklichung ist dabei nicht das primäre Ziel, sondern ein
Nebenprodukt des vollen (mit allen Fähigkeiten und Möglichkeiten)
Einsatzes für Gott und den Nächsten; durchaus im biblischen Sinne:
Suchet zuerst das Reich Gottes und alles andere wird euch
dazugeschenkt. In diesem Sinne braucht unsere Kirche und auch unsere
Gesellschaft
viele „selbstverwirklichte“ Christen und Christinnen, die mit ihren
Fähigkeiten und ihrem Einsatz das Reich Gottes
weiter tragen, indem sie die Welt nach Jesu Willen, also zum
Heil für alle Menschen gestalten.“
Herzlichen Dank
möchten wir hiermit unserem Herrn Kaplan für diesen bereichernden
Abend sagen, aber auch all unseren Besuchern, die mit ihrem Eintritt
die pfarrliche Jugendarbeit finanziell
unterstützten. Wir konnten den Betrag von 160 € dem Referenten zu
diesem Zweck überreichen! |