Liebe
Schwestern und Brüder!
Sie werden sich vielleicht wundern, dass ich heute auf die Kanzel gestiegen bin.
Was soll das. Will er wieder zurück in die alten Zeiten. So werden sich
vielleicht die einen fragen. Endlich wieder einmal. Wozu ist denn die Kanzel
sonst da und wozu wurde sie renoviert, wenn ohnedies keiner hinaufgeht um von
dort zu predigen. Ja, wozu ist die Kanzel noch da? Einfach nur zum Anschauen?
Anschauen. Genau dazu möchte ich sie einladen. Ich möchte sie einladen mit mir
die Kanzel anzuschauen und zu überlegen, was uns die Kanzel selbst sagen kann.
Eine Kanzel ist gebaut, damit von ihr gepredigt wird. Der Inhalt der Predigt
wird durch die Figuren hier unten vorgegeben. Hier sind die 4 Evangelisten
dargestellt. Über das Evangelium von Jesus, der von den Toten auferstanden ist,
soll gepredigt werden.
Im heutigen Evangelium sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Friede sei mit Euch! Wie
mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch.“ Der Prediger steht im Auftrag
Jesu, sein Wort weiterzusagen und seine frohe Botschaft zu verkünden. Aber,
dieser Sendungsauftrag gilt nicht nur dem, der hier auf der Kanzel steht. Dieser
Sendungsauftrag gilt allen Christen. Wir alle sind gesandt die Botschaft von
Jesus den Auferstandenen weiter zutragen. Das Programm unserer Kanzel uns
einiges über das wie dieser Verkündigung zu sagen.
Wenn man als Prediger hier auf der Kanzel steht, dann steht man ganz schön hoch
über den Zuhörern. Es ist eine Ort der einen in Versuchung führen kann von oben
herab zu sprechen. So, als ob man selbst über allen Dingen stehen würde. So, als
ob das nur die da unten etwas angeht. Dieses Gefühl der Überlegenheit ist aber
nicht nur eine Gefahr für den Prediger hier heroben, sondern auch für jeden
Christen. Als Christen meinen wir allzu leicht, dass wir über den anderen
stehen. Das wir besser sind. Das wir höher gestellt sind.
Das Programm der Kanzel weist die Haltung der Überheblichkeit in die Schranken.
Ganz oben steht Christus. Er ist dargestellt als Sämann, der den Samen aussät.
Er steht ganz oben. Er ist der eigentliche Verkündiger. Unter ihm sind 4 Könige
dargestellt. Sie stehen für die 4 damals bekannten Erdteile. Sie stehen für die
ganze Welt. Christus sät sein Evangelium in die ganze Welt hinaus. Jeder der
verkündet steht in seinem Dienst.
Im Kanzeldeckel innen ist mit der Taube das Symbol für den heiligen Geist
angebracht. Der Prediger soll vom Geist Gottes geleitet werden. Wenn Jesus uns
sendet so gibt er uns seinen Geist mit. Er hauchte sie an und sprach: „Empfangt
den heiligen Geist“ sagt er seinen Jüngern gleich nach der Sendung. Sein Geist
steht uns bei, dass wir sein Evangelium weiter tragen können.
Aber
es sät nicht nur Christus auf dieser Kanzel. Hier im Relief an Rückseite der
Kanzel ist dargestellt, wie auch der böse Feind sät. Es ist die Erzählung aus Mt
13,24-30, 36-43. Dort erzählt Jesus seinen Jüngern das Gleichnis von einem
Sämann der Weizen aussät. Aber in der Nacht kommt der böse Feind, der Weizen
dazwischensät. Die eifrigen Knechte wollen das Unkraut ausreißen, aber der
Gutherr sagt ihnen: Lasst beides zusammen wachsen, sonst reißt ihr mit dem
Unkraut auch den Weizen aus.
In der Auslegung die Jesus zu diesem Gleichnis gibt ist mir etwas aufgefallen.
Mit dem Samen der ausgesät wird sind nicht die Worte gemeint die wir sprechen.
Der gute oder schlechte Samen, dass sind die Menschen. Wir Menschen sind Unkraut
oder Weizen. Nicht nur durch unsere Worte, sondern durch uns, so wie wir sind
und leben soll das Wort Gottes verkündet werden.
Was bin ich für die Welt? Bin ich Weizen oder Unkraut? Es geht glaube ich hier
nicht um eine schwarz - weiß Malerei. Da sind nicht hier die guten und hier die
Bösen. Es gibt auch heute die eifrigen Knechte, die schon im Wachsen Weizen und
Unkraut fein säuberlich trennen wollen. Jesus sagt uns: Ihr könnt es noch nicht
erkennen. So lange es im Wachsen ist, wäre es viel zu gefährlich, dass ihr den
Weizen mit dem Unkraut wegwerft. Lasst beides zusammen wachsen – auch in der
Kirche.
Ist nicht auch in uns selbst beides. Weizen und Unkraut. Jeder von uns bemüht
sich – so denke ich – Weizen zu sein. Aber ist nicht auch schon so manches
Unkraut auf meinem Mist gewachsen?
Jesus sendet uns sein Evangelium zu verkünden. Seine Botschaft weiterzusagen. Er
nimmt es in Kauf, dass auch in uns Weizen und Unkraut vermischt ist. Wir müssen
nicht warten bis wir perfekt sind, bis wir überhaupt verkünden können. Mit
seiner Hilfe kann der Weizen in uns zunehmen. Mit seiner Hilfe können wir
mithelfen, die frohe Botschaft hinauszusäen in die Welt von heute. Amen.
| Copyright: Kapl. lic. Rupert Grill, Pfarre Ybbs |
Seite zuletzt geändert am: 12-12-05 |